Von Einsamkeit und 7 Milliarden Leben

Für mich stellt es sich als wahres Privileg heraus, erleben zu können, wie es ist alleine zu wohnen, auch wenn ich es nicht tue. Einfach ein paar Tage alleine in einer Wohnung, alleine in einer relativ fremden Stadt ohne viele soziale Kontakte zu leben ermöglicht einem die Sicht auf einen selbst als unwichtiges und kleines Wesen dieser Welt. Auch wenn es auf den ersten Anschein negativ klingen mag, so ist es in Wahrheit doch der Grundstein für das Begreifen tatsächlicher Relation. Denn jeder Mensch scheint sich selbst vor allen andern Lebewesen als den Wichtigsten zu sehen – manchmal ist das vielleicht notwendig, doch ermöglicht uns erst ein offenes und selbstloses Leben den Frieden miteinander. Allein zu sein befähigt nämlich den Menschen zu begreifen, dass alles auch ohne sich einzumischen zu laufen scheint. Man ist nur das Zünglein an der Waage um neue Dinge in Gang zu bringen oder sie zu beeinflussen, allerdings dann meist zu eigenen Gunsten.

Als ich allein auf dem Balkon mit einem Apfel in der einen, und einem uninteressanten Hefter in der anderen Hand auf die umliegenden Wohnungen der Häuser zum Innenhof sah und mit der Zeit drei Menschen beobachtete, die alle für mich nichtssagende Dinge machten. Der eine reparierte sein Rollo, eine andere saß an ihrem Computer und ein letzter goss Blumen. Alles scheinen für Außenstehende alltägliche Dinge, doch konnte ich nicht ausschließen, dass sie für sie nicht von unschätzbaren Wert, in Erinnerung an etwas oder jemandem oder aus ganz anderen Beweggründen waren. Doch auch etwas anderes konnte ich nicht bestreiten: Ich war neugierig auf jene Beweggründe und neugierig darauf, was die Frau an ihrem Computer arbeitete. Da fiel mir auf, dass ich nur aus drei Wohnungen Menschen sah und ich wurde ebenso neugierig auf die Menschen der anderen 30 Wohnungen. Mir wurde mehr als sonst bewusst, dass ich umgeben von unbekannten Dingen war, vielleicht sogar von Geheimnissen und ich war als unkommunikativer Mensch nicht in der Lage das Leben und die Beweggründe dieser anderen Menschen in den Wohnungen um mich kennenzulernen.

Die ganze Welt ist voll mit unbekannten Menschen, die alle eine individuelle Persönlichkeit haben, alle einen anderen Lebensstil und Lebensinhalt haben, die unterschiedlichste Probleme und Herkünfte hatten und alle von anderen Dingen geprägt werden. Und so zeigt uns unsere Einsamkeit an manchen Tagen und das Betrachten eines selbst als klein und eigentlich unbedeutend für die Welt, dass wir doch Teil eines großen Unbekannten sind und für die wenigen Menschen, die uns tatsächlich kennen dürfen und die wir gleichzeitig kennenlernen durften, knapp 7 Milliarden Menschen abdecken müssen, damit wir zusammen am Ende das Geheimnis der individuellen 7 Milliarden Leben lüften können.

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